Enthaltsamkeit
Menschen haben zu allen Zeiten schon die berauschende Wirkung von pflanzlichen, tierischen oder mineralischen Stoffen zu nutzen gewusst. Dieser Genuss war immer eingebettet in feste Zeremonien, zu bestimmten kulturellen Ereignissen; ein Missbrauch war verpönt. Erst mit dem Beginn der Industrialisierung entstand die Möglichkeit, Rauschmittel wie z. B. alkoholische Getränke in großen Mengen herzustellen. Diese Überproduktion und die großen sozialen Umbrüche, die der Wandel von der ländlichen Agrar- zur städtischen Industriegesellschaft mit sich brachte, beförderte mit vielen anderen sozialen Problemen auch die Entstehung des Alkoholismus.
Als Antwort auf die weithin sichtbaren Folgen der Verelendung großer Teile der Bevölkerung entstand Mitte des 19. Jahrhunderts neben der Arbeiterbewegung auch eine christlich inspirierte Abstinenzbewegung, zu der 1851 die Guttempler hinzukamen. Noch lange bevor die Alkoholabhängigkeit von der Medizin überhaupt als Krankheit betrachtet wurde, empfahlen die Guttempler als Ausweg aus der Alkoholnot bereits die Enthaltsamkeit als wirksame Therapie. Enthaltsamkeit wurde zudem als eine christliche Tugend verstanden, die den freiwilligen Verzicht übte.
Heute betrachten die Guttempler ihre alkoholfreie Lebensweise durchaus nicht mehr als Verzicht, sondern als Gewinn für ihre persönliche Entwicklung. Sie bedeutet die Abkehr von einem Stoff, der Menschen in Abhängigkeit halten kann, und diese Abwendung wird von vielen Betroffenen auch tatsächlich als Befreiung empfunden.
Aber auch Menschen ohne Alkoholprobleme entscheiden sich für die alkoholfreie Lebensweise. Ein Zehntel der Bevölkerung in Deutschland trinkt aus eigenem Entschluss keinen Alkohol. Durch eine Mitgliedschaft bei den Guttemplern wird diese private Entscheidung zu einer öffentlichen. Sie ist ein Bekenntnis zur Solidarität mit den Menschen, die durch Alkohol Leid erfahren haben. Zugleich ist sie ein Aufruf zum Boykott eines Konsumgutes, das mehr Schaden als Nutzen bringt.
Unsere Gesellschaft wird sicher nicht mehr auf ihren vorindustriellen Zustand zurückkehren wollen. Eine Beschränkung und Reglementierung des Handels mit Suchtmitteln ist daher unumgänglich. Mit ihrer bewussten Entscheidung zur alkoholfreien Lebensweise geben die Guttempler ein persönliches Signal.